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Ausgrabungen im Talgrund bei der römischen Gutsanlage von Hechingen-Stein, Zollernalbkreis

Die römische Gutsanlage von Hechingen-Stein liegt an dem nach Süden abfallenden Höhenzug des Rammert. Südwestlich der Gutsanlage befindet sich in dem sonst recht steilen unwegsamen Gelände ein auffällig flacher nicht bewaldeter Einschnitt von rund 30 m Breite und rund 100 m Länge. Schon länger wurde vermutet, dass dieser nur wenig über dem Talgrund der Starzel gelegene Einschnitt nicht geologisch entstanden ist. Als sich der Besitzer der Wiese im Jahr 2005 entschloss, die südlich wild wachsende Schwarzdornhecke mittels eines Baggers entfernen zu lassen, war der Vorsitzende des Trägervereins des Römischen Freilichtmuseums, Herr Gerd Schollian anwesend um nach eventuellen Spuren römischer Bautätigkeit zu suchen. Schon wenige Zentimeter unter der Wiesenoberfläche kamen die ersten Spolien zutage. Es handelte sich dabei um zwei große annähernd quadratische Fundamentblöcke und eine von Osten her kommende Mauer, die im rechten Winkel nach Norden abbiegt. Das zuständige Referat für Denkmalpflege beim Regierungspräsidium Tübingen wurde umgehend informiert. Aus Zeitgründen entschied man sich dafür, nur die schon zutage getretenen Befunde freizulegen und zu dokumentieren. Wegen anderer dringlicher denkmalpflegerischen Aufgaben, wie z. B. der Untersuchung eines alamannischen Friedhofs bei Dotternhausen, Zollernalbkreis konnte den Arbeiten in Hechingen Stein jedoch nur bedingt Rechnung getragen werden. Da die Grabungen des Römischen Freilichtmuseums in Gebäude (L) und dem nordwestlichen Eckturm im Jahr 2008 abgeschlossen worden waren, übertrugen die Referate der archäologischen Denkmalpflege der Regierungspräsidien Tübingen und Stuttgart in Absprache die noch ausstehenden notwendigen Untersuchungen an den wissenschaftlichen Leiter des Museums. Die Arbeiten wurden im April 2009 nach Übergabe der bisherigen Grabungsdokumentation fortgesetzt.

Der Befund

 Hechingen-Stein. Die Grabungsfläche mit der Mauer und den zwei Fundamentblöcken von Osten her gesehen. .
Abb.1 Hechingen-Stein.
Hechingen-Stein.
Die Grabungsfläche mit der Mauer.

Bei der untersuchten Mauer handelt es sich um eine relativ schlecht ausgeführte Zweischalenmauer mit einer außergewöhnlichen Breite von bis zu einem Meter. Sie konnte von Osten her über eine Länge von etwas über 16 m verfolgt werden. Sie biegt dann im rechten Winkel nach Norden ab und wurde innerhalb der untersuchten Fläche auf einer Länge von neun Metern freigelegt. Ein Sondagegraben rund 30 m nördlich davon, in der Flucht der Mauer gelegen, zeigt, dass diese weiterführt. Auch nach Osten zu verläuft die Mauer über die Grabungsgrenze hinaus weiter. An der tiefsten Stelle fand sich ein gemauerter Durchlass, der sicherlich zur Ableitung des Hangwassers diente. Südlich der Mauerecke fand sich am westlichen Rand des Geländeeinschnitts in der Flucht der Nord-Süd verlaufenden Mauer im Abstand von zwei Metern der erste Fundamentblock. Es handelt sich um einen aus vier einzelnen großen Steinen bestehenden Block mit einer Seitenlänge von annähernd 2 Metern. Dabei bilden zwei quaderförmige Steine die untere Lage. Zwei weitere, etwas kleiner dimensionierte, liegen oben auf. Der zweite Block liegt in einem Abstand von 3,5 Metern westlich davon und ist mit einer Seitenlänge von 1,60 m etwas kleiner. Er besteht aus zwei übereinander liegenden großen und recht grob behauenen Steinen, die Zapflöcher aufweisen. Der größere Block besitzt mit einer Fundamenttiefe von 0,9 m beachtliche Ausmaße. Das Teilfundament eines mutmaßlichen dritten Blocks liegt wiederum 3,5 m südlich des größeren. Ein angenommener vierter Block, der das Quadrat vervollständigt hätte, ist nicht vorhanden.

Der gesamte östlich an die Fundamente anschließende Bereich war mit massiven Steinpackungen und sandigen Schichten gefestigt. Da das Gelände hier stärker nach Süden abfällt, war die Erhaltung durch Hangrutschungen bedingt äußerst schlecht. Nur an einer Stelle direkt südlich der Mauer gelegen zeigte sich, dass das gesamte Areal wohl mit einem ca. 15 cm dicken Mörtelestrich abgedeckt war. Vermutlich handelte es sich um einen befestigten Platz. Südlich daran anschließend ließen sich über die gesamte untersuchte Fläche noch die Spuren einer Kiesschüttung erkennen. Dies hatte eine geradlinige nördlich Begrenzung und war nach Süden hin abgerutscht. Eine Interpretation als Reste eines Straßenkörpers lässt sich durch das Auffinden zahlloser Schuhnägel in diesem Bereich erhärten

Grabmal oder Tor?
Nachfolgend werden erste Überlegungen zur Interpretation der obengenannten Befunde erläutert.
Bei der Mauer dürfte es sich um eine späte Erweiterung der Hofummauerung handeln. In diesem Zusammenhang könnte auch eine schon 1994 freigelegte Mauer an der nordwestlichen Ecke des Heiligen Bezirks bislang ungeklärter Funktion zu sehen sein.
Für eine Ansprache der Fundamentblöcke sind verschiedene Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen. Gegen eine Interpretation als Torsituation spricht, dass kein direkter Zusammenhang zu der Hofmauer besteht. Außerdem fanden sich zwischen den Blöcken keinerlei Hinweise auf eine Pflasterung oder Schotterung. Weiterhin wäre eine solche Torsituation in der Mitte des zungenartigen Geländeeinschnitts und nicht wie hier randlich zu lokalisieren. In Anbetracht einer anzunehmenden symmetrischen Architektur spricht auch die Anzahl von drei Fundamenten gegen eine Interpretation als Teile einer Toranlage.
Eine weitere Möglichkeit wäre, die Fundamentblöcke als Unterlage für Krane oder Flaschenzüge zu interpretieren, die zum Beladen von Wagen mit dem hier gebrochenen Stubensandstein dienten.
Am Wahrscheinlichsten aber ist die Deutung als Fundamente für Pfeilergrabmäler. Hierfür spricht die Lage „extra muros“, außerhalb der Hofmauer und die unmittelbare Nähe einer vorbeiführenden Straße, was bei römischen Friedhöfen üblich war. Eine kleine hier gefunden Halbsäule könnte dazu gehört haben. Leider fanden sich weder Gräber oder andere Funde, die diese Theorie bestätigen könnten. Überhaupt ist der Fundanfall im Gegensatz zu dem in Hechingen-Stein sonst Üblichen außerordentlich gering. Es sind neben den Schuhnägeln noch drei zueinander gehörende bronzene halbrunde Röhren zu erwähnen. Diese sind mit Rillen, die eine Torsion darstellen sollen, verziert und weisen in regelmäßigen Abständen Bohrlöcher für Nieten auf. Es dürfte sich um Applikationen für ein aufwändig gestaltetes Holzkästchen gehandelt haben. Im bisher weitgehend fundleeren Hangkolluvium, das sich nördlich der Hofmauer angesammelt hatte, steckte das bestoßene Kapitell einer korinthischen Säule. Weitere Teile dieser für Hechingen-Stein bislang singulären Säule fanden sich nicht. Dieses Kapitell kann nicht zweifelsfrei in einen Zusammenhang mit den vorab besprochenen Befunden gestellt werden. Durch seine Lage unmittelbar unterhalb des rund 30 Meter höher gelegenen Heiligen Bezirks ist auch ein dortiger ursprünglicher Standort nicht unwahrscheinlich. Das Kapitell könnte zu der nachgewiesenen Jupitergigantensäule gehört haben und nach der Zerstörung den Hang herabgerollt sein.

Dr. Frieder Klein
Regierungspräsidium Tübingen, Ref. 26 Denkmalpflege

Dr. Stefan Schmidt-Lawrenz
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein

Literatur:

    (Stuttgart) 1999, 62 ff;
  • S. Schmidt-Lawrenz,, Arch. Ausgr. Baden-Württemberg 1995, 208 ff.
  • Ders., Die römische Gutsanlage von Hechingen-Stein. Führer zu archäologischen Denkmälern Baden-Württemberg 16, 1999