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Frühe Alamannen und ein neues Gebäude (L) in der römischen Gutsanlage von Hechingen-Stein

Nach den Arbeiten der letzten Jahre am Nordwestturm und an der westlichen Umfassungsmauer wurden 2008 die Ausgrabungen nördlich außerhalb der Hofmauer fortgesetzt und der südlich und westlich an den Turm anschließende Bereich untersucht. Wie schon in einem nur einen Meter breiten Streifen nördlich außerhalb der Hofmauer beobachtet, zeigte sich auch hier eine massive Anhäufung von Fundmaterial, vorwiegend Scherben, wenig Metall und Knochenreste. Das Spektrum der Keramik lässt sich nicht nur auf die schon im letzten Bericht erwähnte Nutzung des Turmes als Küche zurückführen. Angesichts der großen Menge an Speisegeschirrresten, auch Terra Sigillata entsteht der Eindruck, dass hier -ebenso wie nördlich der Hofmauer- Abfall aus dem gesamten Gutsgeländes entsorgt wurde.

Alamannen in Hechingen-Stein

Frühalamannische Scherben mit Kammstrichverzierung
Abb.1 Hechingen-Stein.
Frühalamannische Scherben
mit Kammstrichverzierung.

Zu dem erwähnten Fundmaterial gehören drei Wandscherben, die nicht in provinzialrömischen Kontext einzuordnen sind. Ihr Ton ist mit Quarzsand gemagert und die Keramik von Hand aufgebaut; zwei Bruchstücke zieren parallel angeordnete Kammstrichlinien (Abb. 1). Es handelt sich um Keramik elbgermanischer Provenienz, wie sie zum Beispiel aus Basel-Kleinhüningen bekannt geworden ist. Durch ihre Datierung noch in das 3. Jahrhundert n. Chr. zählen die Scherben zu den ältesten Belegen der frühen Völkerwanderungszeit in unserem Raum. Sie weisen zwar auf eine frühe Präsenz der Alamannen in der Gutsanlage von Hechingen-Stein hin, aber beim derzeitigen Stand reicht das Fundmaterial noch nicht aus, um von einer dauerhaften Besiedlung zu sprechen. Eine solche wird wohl erst mit den in den ersten Grabungskampagnen beim Haupt- und Badegebäude entdeckten und sich überlagernden Grundrissen von Holzhäusern der späten Landnahme fassbar. Funde des 6. – 8. Jahrhunderts sind seit der Wiederaufnahme der Grabungsarbeiten seit 1992 in der Gutsanlage einige bekannt geworden. Alle frühmittelalterlichen Funde sollen in der kommenden Saison des Freilichtmuseums in einer gesonderten Ausstellung gezeigt werden.

Die umgestürzte Hofmauer
Bei der Fortführung der Untersuchungen der nördlichen Hofmauer wurde deutlich, dass diese in ihrem weiteren Verlauf Richtung Osten durch den enormen Hangdruck noch im Mörtelverband umgestürzt war: neben den in Reihen liegenden Versturzsteinen ist sogar das Mauerfundament nach Süden gedrückt worden. Ein Teilstück dieses Befundes wird konserviert werden, um den Besuchern des Freilichtmuseums auch die Widrigkeiten der weithin bevorzugten Hanglage von Gutsanlagen zu demonstrieren.

Das neu entdeckte Gebäude L

Überblick über das neu entdeckte Gebäude L
Abb.2 Hechingen-Stein.
Überblick über
das neu entdeckte Gebäude L.

Nördlich des Turmes wurde schon 2007 in einem Profil die Fundamentecke eines bislang unbekannten Gebäudes sichtbar (Abb.2). Seine Untersuchung stellt die vordringliche diesjährige Arbeit dar. Das Gebäude liegt einen Meter vom Turm entfernt, ist gleich ausgerichtet und besitzt mit einer Nord-Süd- Ausdehnung von 9,5 m und einer Breite von 5,4 m einen deutlich größeren Grundriss. Eine Ost-West gerichtete Binnenmauer teilt diese Haus in zwei gleich große Räume von jeweils knapp über 13 m2 Grundfläche. Das Fundament ist wie in Hechingen-Stein häufig bei frühen Bauten beobachtet aus Räthsandsteinen errichtet. Aufgehendes Mauerwerk ist ebenso wie das ehemalige Laufniveau nicht erhalten. Aufgrund der stratigraphischen Einbindung ist gesichert, dass es vor oder während der Erbauung des Eckturmes abgerissen worden war. Wahrscheinlich nutzte man die Steine der abgebrochenen Mauern für den Bau des Turmes und der Hofmauer. Auffällig ist, dass das Fundament südlich der Quermauer 0,40 m tiefer liegt als nördlich davon. Wahrscheinlich wurde das Fundament dem Gelände angepasst. Da nur das Fundament erhalten war, könnte der Grund hierfür auch auf eine Zweiphasigkeit des Gebäudes zurückzuführen sein, ohne dass dies am Befund abzulesen wäre.

Die ehemalige Funktion des Baus ist derzeitig noch unklar. Es wird im Laufe der Ausgrabungen, die sich die letzten Jahre auf die Hofmauer und die direkt angrenzenden bzw. integrierten Gebäude konzentrierten, immer deutlicher, dass das gesamte Gutsgelände während seiner rund 160-jährigen Besiedlung große Veränderungen erfahren hat. Im Zuge des Baus der Hofmauer, die - soweit sie bisher bekannt - erst in das 3. Jahrhundert zu datieren ist, wurden nachweislich mindestens zwei bestehende Gebäude abgebrochen. Dies scheint, was den unmittelbaren Bereich der Anlage betrifft, für eine Verkleinerung des Gutshofes zu sprechen. In diesem Zusammenhang sind die Grabungen durch das Referat für Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Tübingen an einer vermuteten Erweiterung der Hofummauerung im Talgrund südwestlich davon von besonderer Bedeutung.

Dr. Stefan Schmidt-Lawrenz
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein

Literatur:

  • S. Schmidt-Lawrenz, Alamannen im römischen Gutshof von Hechingen-Stein. In: Alamannen zwischen Schwarzwald, Neckar und Donau. Hrsg. D. Ade, B. Rüth, A. Zehkorn (Stuttgart) 2008, 68;
  • Ders., Die römische Gutsanlage von Hechingen-Stein. Führer zu archäologischen Denkmälern Baden-Württemberg 21, (Stuttgart) 1999, 62 ff;
  • S. Schmidt-Lawrenz,/ D. Stegmaier, Arch. Ausgr. Baden-Württemberg 2006, 147 ff.