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Zum Abschluss der Ausgrabungen in Gebäude H der römischen Gutsanlage von Hechingen-Stein, Zollernalbkreis

Die vor drei Jahren begonnen Ausgrabungen in einem römischen Gebäude (Haus H) der Gutsanlage von Hechingen-Stein konnten in diesem Jahr, bis auf eine kleine Fläche, beendet werden. Dabei zeigte sich, dass die Nordmauer des Gebäudes durch den starken Hangdruck um bis zu 0,4 m weit nach Süden hin verschoben worden war.
Jetzt lassen sich die verschiedenen Bauperioden des Hauses bzw. Anbauten an dasselbe und der Hofmauer unterscheiden. Wie aus Abb. ersichtlich wird, wurde als erstes das mit einer Seitenlänge von rund 16 m annähernd quadratische Gebäude errichtet (Abb. Phase 1). Nördlich des Hauses fand sich eine massive Pflasterung aus kleinteiligem Steinmaterial. Diese diente sicherlich zum Schutz gegen das hangabfliessende Wasser.
Zu einem späteren Zeitpunkt wurde die von Süden kommende Hofmauer, die in ihrer Flucht nicht genau auf die Gebäudeecke traf, mit einem kurzen, rechtwinklig abbiegenden Mauerstück mit Gebäude H verbunden (Abb. Phase 2). Da diese Lösung offensichtlich nicht gefiel wurde sie zu einem noch späteren Zeitpunkt in ihrer Flucht geradlinig ausgebaut (Abb. Phase 3).

Grabung 2004
Abb.1 Hechingen-Stein.
Schematisierter Phasenplan von Gebäude H.

Zu einem im Moment noch nicht zu klärenden Zeitpunkt wurden südlich und östlich von Haus H weitere Mauern angebaut. Es lässt sich im Moment aber nur ein größerer Raum südlich des Hauses erschließen (Abb.1 Phase 4). Dieser Anbau wirft Fragen auf, da er den bereits in anderen Vorberichten erwähnten Traufgraben südlich des Hauses außer Funktion setzte. Zusätzlich ist auffällig, dass sich diesen Mauern praktisch kein Steinversturz zuordnen lässt. Es muss sich folglich entweder um die Fundamente eines Fachwerkbaues handeln, oder um trocken gesetzte Mauern, die z. B. als Viehpferch dienten. Ähnliches gilt für die östlich anschließenden Mauern, die bis jetzt aber nur in geringen Teilen untersucht sind.
Als letzte Baumaßnahme findet sich östlich des Hauses das Fragment einer Trockenmauer, die ohne Fundament auf den Versturz des Hauses gesetzt wurde (Abb. Nachrömisch?). Dies und die schlechte Art der Ausführung lassen auf einen nachrömischen Eingriff schließen. Dafür sprechen auch die im Schutt des Hauses gemachten Fund die in das 7. Jahrhundert n. Chr. zu datieren sind. Funktional könnte es sich ebenso um einen Viehpferch gehandelt haben.
Der schon im ersten Vorbericht gemachte Datierungsvorschlag der ersten Bauphase von Haus H in die Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus konnte in diesem Jahr bestätigt werden. Unter der im Haus angefundenen Egalisierungsschicht zur Einebnung des Fußbodenniveaus, die direkt auf den anstehenden Boden aufgebracht worden war, fand sich ein Sesterz des Antoninus Pius, der in das Jahr 156/157 n. Chr. datiert werden kann. Die anschließenden Baumaßnahmen können leider noch nicht genauer datiert werden.
 

Grabung 2004
Abb.1 Hechingen-Stein.
Metallfunde

Das völlige Fehlen ehemaliger Benutzungshorizonte und der geringe Fundanfall machen eine Interpretation schwierig. Auffällig ist die prägnante Lage dieses Platzes. Zum einen ist hier noch ein Sichtkontakt zum höher gelegenen Hauptgebäude gegeben, zum anderen erlaubt diese Stelle einen weiten Ausblick nach Westen in das Starzeltal. Der bedeutendste Aspekt dieser Grabung war das Auffinden zahlreicher Skulpturenfragmente. Sie alle wurden in einer ca. 2 m2 großen Fläche zwischen den Mauern 3 und 5 in der sich unter dem Waldhumus befindenden Schuttschicht gefunden. Alle diese Fragmente sind aus dem vor Ort anstehenden roten Sandstein gefertigt, der auch zum Bau sämtlicher Mauern Verwendung fand.

Die im letzten Vorbericht angestellte Vermutung des Vorhandenseins einer Hypokaustheizung in Haus H bestätigte sich leider nicht. Dies führt zu der Frage der ehemaligen Funktion des Gebäudes. Vom Befund her handelt es sich um einen einfachen Rechteckbau, der wahrscheinlich in der Mitte des Hauses einen Holzpfeiler besaß. Üblicherweise würde man ein solches Gebäude als Stall oder Speicher interpretieren. Dagegen spricht aber die Qualität und Quantität des Fundmaterials. Schon allein das Vorhandensein von Fensterglas spricht eher für ein Wohngebäude. Ob hier eine eher wirtschaftliche Nutzung des Erdgeschosses und eine Nutzung als Wohnraum im ersten Geschoss vorlag muss im Moment noch offen bleiben. Irritierend ist aber das Fehlen einer wie auch immer gearteten Feuerstelle.
Neben dem schon erwähnten Fensterglas fand sich eine große Menge an Keramik, die sich teilweise zu fast vollständigen Gefäßen ergänzen lässt. Interessant sind in diesem Zusammenhang drei aneinander passende Scherben einer Terra Sigillata Drag. 30. die 15 m voneinander entfernt gefunden wurden. Auffällig ist auch das relativ häufige Vorkommen von Reibeschüsseln. An Metallfunden sind eine Symmetriescheibenfibel, ein silberner Armreif mit als Schlangen ausgebildeten Enden, ein Löffel, ein Anhänger in Form einer Weintraube, ein eiserner Zirkel, sowie ein bronzener Fingerring zu erwähnen (Abb.2).
Nach dem Abschluss der jetzt seit 1992 andauernden zweiten Ausgrabungszeit in Hechingen-Stein ist eine Phase der Auswertung dieser Grabungen geplant. Im Einzelnen handelt es sich dabei um den Tempelbezirk, das Mühlengebäude, den Speichebau, die westliche Hofmauer mit dem Eingangstor, die Schmiede und eben Haus H. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass in einer großen Gutsanlage wie die von Hechingen-Stein eine starke Spezialisierung der Gebäude vorliegt und dass sich die Anlage über einen längeren Zeitraum langsam entwickelte und erst am Ende des zweiten oder zu Beginn des dritten Jahrhunderts ihre endgültige Größe erreichte.

Stefan Schmidt-Lawrenz
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein

Literaturhinweise:

  • S. Schmidt-Lawrenz, Arch. Ausgrab. Baden-Württemberg 2003, 135 ff.