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Ausgrabungen in der Gutsanlage von Hechingen-Stein

Auch in diesem Jahr konnten die Grabungen in Hechingen-Stein wieder fortgesetzt werden. Als vordringlichste Aufgabe galt es, die 1995 begonnenen Grabungen im Bereich des "Mühlengebäudes" (D) zu beenden. Dazu war im Winter die Zufahrtsstraße zum Freilichtmuseum nach Norden verlegt worden, da sich Teile dieses Gebäudes unter dem ehemaligen Straßenkörper befanden. Zusätzlich konnten die Reste eines weiteren Hauses (E) zu einem großen Teil freigelegt werden.

Grabung 1999
Abb.1 Hechingen-Stein.
Ausschnitt aus dem Gesamtplan der
Gutsanlage mit dem Tempelbezirk (D),
dem Mühlengebäude (C) und Gebäude (E)

Gebäude D
Nach Abschluß der Grabungen lassen sich nun folgende vorläufige Aussagen machen. Es handelt sich um ein zweiphasiges Gebäude (AA 1997, Abb. 66), wobei sich die jeweiligen Grundriße stark unterscheiden (Abb. 1).
Das erste Haus umfaßte vier Räume. Der größte Raum maß 11,5 m auf 9 m. Darin fanden sich die Reste einer Drainageleitung, die sicherlich zur Entwässerung des hangabfließenden Wassers diente. Von den restlichen Inneneinbauten in diesem Raum hat sich durch den späteren Umbau nichts erhalten. Allerdings lassen die Reste von Mühlsteinen, teils als Spolien verbaut, teils im Abbruchschutt und die Nutzung nach dem Umbau darauf schließen, daß hier Getreide gemahlen wurde. Westlich schloß sich ein weiterer Raum (8,5 x 6 m) an. Hier fanden sich die Reste einer Darre (AA 1996, Abb. 100a). Die Feuerstelle dieser Darre lag im Norden zwischen zwei großen Sandsteinblöcken. Das bis zu 40 cm tief angeziegelte Erdreich zeugt von einer intensiven Nutzung dieses Trocknungsofens. Nördlich des großen Raumes lagen zwei weitere kleinere Zimmer mit 6,5 m auf 3,5 m und 3,5 m auf 3,4 m Größe. Auch hier ist die ehemalige Nutzung aus dem Befund heraus nicht mehr zu erschließen. Die Errichtung dieses Baus scheint aufgrund der stratifizierbaren Funde, wie bemalter latènoider Ware oder dem Fragment einer gläsernen Rippenschale, gleichzeitig mit dem ersten Steinbau des Hauptgebäudes, am Ende des ersten oder beginnenden zweiten Jahrhunderts zu liegen. Dafür spricht außerdem, daß die später zugedeckten Mauern dieses älteren Baus mit Fugenstrich versehen waren, welcher bislang nur an den ältesten Mauern des Hauptgebäudes beobachtet werden konnte.
Die Analyse des Fundmaterials und der Vergleich mit ähnlichen Befunden wird sicherlich noch eine genauere Klärung der ehemaligen Nutzung dieses Baus ermöglichen.
Als weiterer interessanter Aspekt zur Klärung der Geschichte der Gesamtanlage zeigte sich, daß die westliche Hofmauer an die westliche Außenmauer dieses Gebäudes angebaut worden war (AA 1998, Abb. 107), die damit Teil derselben wurde. Offensichtlich wurde die Hofummauerung erst errichtet, nachdem schon verschiedene Gebäude standen. Die Hofmauer selbst war in diesem Bereich an einem Abhang errichtet worden, was schon in römischer Zeit dazu führte, daß diese nach Osten verkippte und durch eine Stützmauer gesichert werden mußte.
Zu einem, im Moment nicht näher zu klärenden Zeitpunkt brannte das Gebäude ab und wurde in stark veränderter Form wieder aufgebaut. Dabei wurden die teilweise zerstörten Nord-, Ost- und Südmauern des älteren Baus wieder mit einbezogen.
Die Westmauer hingegen wurde abgetragen und rund 2 m weiter nach außen versetzt gebaut. Der verbliebene Rest mit der zerstörten Darre wurde auf eine bestimmte Höhe abgetragen und außer Funktion gesetzt. Die im nördlichen Teil des Raumes gelegenen Mauern, welche die zwei kleineren Räume abgeteilt hatten, wurden ebenfalls bis auf ein bestimmtes Niveau abgebaut. Sie dienten in der Folge als Substruktion für eine aus Holz errichtete, im Verhältnis zum südlichen Raumteil höher gelegene Wohn- oder Arbeitsebene. Darauf deuten die in diesem Bereich in situ gefundenen Reliefsigillaten und Glasfragmente auch von Fensterglas hin. Als weiterer Einbau kann an der Nordseite der Ostmauer eine Herdstelle nachgewiesen werden. Es handelte sich dabei um zwei liegende Leistenziegel, umgeben von aufrecht stehenden Schilfsandsteinplatten.
So war ein mit rund 13 m auf 13 m recht großer, annähernd quadratischer Raum entstanden, der unterschiedliche Innenniveaus aufwies. Der südliche Bereich scheint im Verhältnis zum Vorgängerbau abgetieft worden zu sein, da die Drainageleitung in diesem Bereich abbricht. Hier wurden zwei weitere Darren direkt an die Südmauer angebaut (AA 1998, Abb. 100, b + c). Westlich anschließend fanden sich der Ständer und Läufer einer Göpelmühle in situ.
Noch nicht zu klären ist die Funktion der an die Südmauer anschließenden Räumlichkeiten. Es handelt sich um zwei voneinander getrennte Bauteile mit einem Abstand von 2,5 m zueinander. Die Außenmaße dieser Bauteile betragen jeweils rund 8 m auf 4,5 m. Da sie im Innern teilweise mehrfach unterteilt waren, scheint eine Wohn- oder Speichernutzung eher unwahrscheinlich. Sicherlich erfüllten sie den Zweck von Streben, die die Südmauer des großen Raumes abstützen sollten. Da sich zwischen den Baukörpern kein Zugang zum Gebäude nachweisen ließ, ist vielleicht daran zu denken, daß das Aussehen eines Risalitbaus beabsichtigt war.
Der einzig nachgewiesene Zugang zum Mühlengebäude fand sich in der Nordmauer. Eine Fehlstelle im sonst gut erhaltenen aufgehenden Mauerwerk deutet auf eine Schwellbalken hin.
Außerhalb der Nordmauer wurde ein fragmentiertes großes monolithisches Sandsteinbeckens gefunden. Es handelt sich um einen Block von rund 1,5 m Seitenlänge. Er ist im Innern zu einem rund 40 cm tiefen Becken ausgehöhlt und besitzt eine kreisrundes Ausflußloch. Es war schon in römischer Zeit zerbrochen, rund ein Viertel des Blockes fehlt. In sekundärer Funktion wurde es an die Nordmauer des Gebäudes gestellt. Im Innern fanden sich noch Reste von gemahlenem Kalkstein. Möglicherweise wurden hier Mörtelbestandteile vorbereitet. In seiner ursprünglichen Funktion könnte das Becken, allerdings an einer anderen Stelle, zum Pressen von Obst gedient haben.

Gebäude E
Zwischen Mühlengebäude (D) und dem Hauptgebäude (A) wurden die Überreste eines weiteren Hauses untersucht und zum größten Teil freigelegt werden (Abb. 1, E). Es zeigte sich, daß in diesem Bereich die Erhaltungsbedingungen sehr viel schlechter waren. So fanden sich nur wenige Steine des aufgehenden Mauerwerks. Vom römischen Nutzungshorizont, oder ehemaligen Inneneinbauten blieb nichts erhalten.
Das Haus hatte eine rechteckige Form mit einer Länge von 20 m und einer Breite von 14 m und ist im Vergleich zum Hauptgebäude leicht aus der Achse nach Osten verschoben.
Auffällig ist die für Hechingen-Stein ungewöhnliche Tiefe des Fundamentes. Im Gegensatz zu den anderen hier ausgegrabenen Gebäuden reicht es bis zu 0,9 m in das Erdreich, obwohl der Baugrund vergleichsweise eben war. Daher läßt sich daraus auf eine entsprechende Höhe des Hauses schließen, was für eine Nutzung als Scheune sprechen würde. Die Nähe zum Mühlengebäude spricht ebenfalls für diese Interpretation.
Mangels datierbarer Funde muß die zeitliche Einordnung dieses Hauses völlig offen bleiben.
Für das nächste Jahr ist geplant, dieses Haus fertig auszugraben und ein sich nördlich anschließendes Gebäude zu untersuchen. Hierbei darf von einer besseren Erhaltung ausgegangen werden und es gilt das Verhältnis zur Hofummauerung zu klären, die in diesem Bereich verläuft.

Stefan Schmidt-Lawrenz
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein

Literaturhinweise:

  • S. Schmidt-Lawrenz, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 1998 162 ff