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Ausgrabungen in Hechingen-Stein

Wie aus den Grabungsberichten der letzten Jahre zu ersehen ist, wird seit 1995 in dem großen Ökonomiegebäude C in unmittelbarer Nähe des Tempelbezirks gegraben. Dabei wurde festgestellt, daß sämtliche nach Norden verlaufenden Mauerzüge des Mühlen- und Darrengebäudes unter die moderne Zufahrtsstraße zum Römischen Freilichtmuseum Hechingen-Stein ziehen. Die Aufgabe der diesjährigen Grabungskampagne war es folglich, zum einen den nördlichen Abschluß des Gebäudes auf der anderen Straßenseite zu suchen und zum anderen einen geeigneten Platz für die zu verlegende Straßentrasse zu finden.

Grabung 1998
Abb.1 Hechingen-Stein.
Gesamtplan der römischen Gutsanlage

So wurden an verschiedenen Stellen, wo diese Mauerzüge vermutet wurden Flächen ergraben. Es stellte sich allerdings sehr schnell heraus, daß sich der nördliche Abschluß des Hauses im Bereich der heutigen Straße befinden muß. Einzig eine Mauer endet stumpf auf der anderen Straßenseite. Aufgrund ihrer Lage kann aber davon ausgegangen werden, daß es sich bei dieser Mauer entweder um einen Teil von Gebäude C handelt, oder daß sie wie auch die westliche Außenmauer des Ökonomiegebäudes Teil der Umfassungsmauer des Gutshofgeländes bildeten. Zusätzlich wurde der gesamte nördlich gelegene Bereich untersucht. Dabei konnte ein Teilstück der vermuteten Hofummauerung freigelegt werden. Dieses Mauerstück war im Norden durch die moderne Straße gestört und im südlichen Bereich durch das Hanggefälle ausgebrochen. Außerdem war nur der unterste Bereich der Fundamentierung erhalten. Dies machte es auch unmöglich, das Verhältnis von Hofmauer und einem geschotterten Weg zu klären, der in diesem Bereich auf die Hofmauer trifft.
Bei den Untersuchungen westlich außerhalb der Umfassungsmauer konnten weitere römische Befunde aufgedeckt werden. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Drainagegräben, die durch die hier anstehenden wasserundurchlässigen Lehmschichten unerläßlich waren. Durch sie wurde das bei starken Regenfällen massiv hangwärts abfließende Wasser zwischen Tempelbezirk (D) und Gebäude C abgeleitet.
Ebenso wurde deutlich, daß sich das Gelände seit der Zeit der provinzialrömischen Besiedlung stark verändert hat. In einigen Bereichen, die heute relativ eben erscheinen, konnten Depressionen festgestellt werden, die durch Versturzmaterial und auch Abschwemmungen egalisiert wurden.

Neben den Grabungen wurde in diesem Jahr im Rahmen einer Diplomarbeit an der Technischen Hochschule Stuttgart durch A. Höninger und M. Pfeiffer ein Höhenschichtenplan des gesamten Geländes erstellt. Dieser sollte, als Ergänzung zu dem schon 1978 erstellten Plan (AA 1995, Abb. 124), die Möglichkeit bieten, sich einen Überblick über die Gesamtausdehnung der Gutsanlage zu verschaffen. Hierzu wurden die im Lauf der letzten Jahrzehnte endeckten Mauerstücke mit aufgenommen.
Damit zeigt sich folgendes Bild (Abb. 1). Das annähernd rechteckig ummauerte Gutshofgelände umfaßt ein Gebiet von rund 4 ha. Mit der Gutshofummauerung nutzte man die natürliche Geländformation optimal aus, da sowohl im Osten als auch im Westen der steile Geländeabfall eine Bebauung unmöglich machte. Der nördliche und südliche Abschluß sind noch nicht ganz sicher nachzuweisen, da noch jeweils außerhalb römische Befunde befinden. Ob es sich dabei um eine spätere Erweiterung des Gutshofgeländes handelt, muß zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch offen bleiben.
Fast exakt in der Mitte auf einer künstlich geschaffenen Terrasse liegt das Hauptgebäude (A) mit dem damit verbundenen Badegebäude (B). Das noch nicht vollständig ausgegrabene Mühlengebäude C schließt sich an die westliche Umfassungsmauer an. Gerade in diesem Bereich entsteht allerdings der Eindruck, daß diese Umfassungsmauer zu einem noch nicht zu klärenden Zeitpunkt zumindest in Teilen abetragen wurde. Ob dies in Zusammenhang mit der Errichtung des außerhalb gelegenen Tempelbezirks (D) steht, muß im Moment noch offenbleiben, ist aber wahrscheinlich. Es ist davon auszugehen, daß der Tempelbezirk in die Gesamtanlage mit integriert wurde. Dafür würde ein Mauerstück sprechen, welches sich von der Nord-Westecke des Tempelbezirks an nach Nordwesten hin erstreckt. Im weiteren Verlauf wird diese Mauer allerdings durch den modernen Zufahrtsweg gestört.
Unterhalb des Hauptgebäudes liegt, etwas aus der Mittelachse nach Osten verschoben ein weiteres Badegebäude. Es hat nach Erkenntnis der Sondagen mit mehreren apsidial ausgeformten Anbauten einen etwas aufwendigeren Grundriß als Bad B. Seine Lage auf der unteren Geländeterrasse, wodurch es in direkter Verbindung mit dem Mühlengebäude C und dem Tempelbezirk steht, legt den Schluß nahe, daß es sich hier um eine Einrichtung handelte, die eher von den Besuchern der Anlage genutzt wurde und nicht von den Bewohnern selbst.

Die weiteren derzeit bekannten Gebäude schließen sich alle an die Umfassungsmauer an. Lediglich das Hauptgebäude und die Bäder stehen frei im Gelände. Damit lassen sich gewisse Parallelen zu anderen längsrechteckigen Anlagen wie z. B. dem Gutshof von Seeb in der Schweiz ziehen. Über die Funktion dieser Gebäude, die mit bis zu 25 m Seitenlänge beachtliche Ausmaße aufweisen, lassen sich im Moment noch keine Aussagen machen. Sicher ist allerdings, daß sich noch eine Reihe weiterer Häuser innerhalb des Gutshofgeländes befinden, die sich als Schutthügel im Gelände abzeichnen.
Der von den Herren Höninger und Pfeiffer erstellte Höhenschichtenplan zeigt deutlich, daß sich durch die exakte Aufnahme eines Geländereliefs weitreichende Erkenntnisse über ein im Boden verborgenes archäologisches Geländedenkmal treffen lassen.

Stefan Schmidt-Lawrenz
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein

Literaturhinweise:

  • D. Schmid, S. Schmidt-Lawrenz, Arch Ausgr. Bad.-Württ. 1997, 102 ff.
  • A. Höninger u. M. Pfeiffer, Archäologisch-topographische Aufnahme des Römischen Gutshofes in Stein bei Hechingen (Diplomarbeit Stuttgart 1998).