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Zur Fortsetzung der Ausgrabungen im Gutshof von Hechingen-Stein, Zollernalbkreis

Auch 1995 konnten die Ausgrabungen im Bereich der großen römischen Gutsanlage von Hechingen-Stein in einer rund fünf Monate langen Kampagne weitergeführt werden.

Grabung 1995
Abb.1 Hechingen-Stein.
Grundrißplan des
Tempelbezirks B und des Gebäudes C.
Stand 1995.
Grabung 1995
Abb.2 Hechingen-Stein.
Höhenschichtenplan des Gutshofgeländes.
A=Haupt- und Badegebäude,
B=Tempelbezirk,
C=Nebengebäude.


Als vorrangiges Ziel galt es, die seit 1992 laufenden Untersuchungen im Tempelbezirk zu beenden. Dabei gelang es eine weitere Kapelle (Abb.1, Nr.171; Abb.3) freizulegen, womit sich die Gesamtzahl dieser Befunde auf insgesamt neun erhöhte. Zwei weitere, nur sehr fragmentarisch erhaltene Mauerreste (195, 200), können in ihrem ehemaligen Grundriß nicht mehr rekonstruiert werden, da sie durch die vielfachen, längs zur Grabungsfläche verlaufenden Langholzabfuhrwege gestört sind (Abb.1), wobei Mauerrest (195) aufgrund seiner Lage aber auch als der Rest einer Kapelle anzusehen sein dürfte. Außerdem konnte in dieser Kampagne die nordöstliche Mauerecke des Tempelbereichs freigelegt werden. Dieses bestätigt das schon vermutete Bild einer annähernd quadratischen Gesamtanlage von etwas über 30m Seitenlänge, die in einem Abstand von ca. 30m östlich Gutshofummauerung liegt (Abb. 2). Leider weisen die Mauerzüge (58 und 113) in weiten Bereichen größere Fehlstellen auf, die teilweise auf die schon erwähnten Langholzabfuhrwege, aber auch auf den unmittelbar angrenzenden, modernen Straßenbau zurückzuführen sind. So gelang es leider nicht, einen antiken Zugang zu diesem Tempelbereich zu entdecken.

Die im letzten Jahr erkannte Zweiphasigkeit der Umfassungsmauer - Mauer (24) war durch Mauer (5) ersetzt und so die Anlage nach Westen erweitert worden - fand in diesem Jahr ihre Korrespondenz im Osten. Hier wurde Mauer (129), die in römischer Zeit abgetragen worden war, durch Mauer (113) ersetzt, die annähernd parallel im Abstand von rund 4 m nach Osten verschoben verläuft. So läßt sich vermuten, daß die jeweils außerhalb der ehemaligen östlich und westlichen Außenmauer gelegenen Baubefunde (99, 127 und 171) einem späteren Zeithorizont zuzurechnen sind. Im Fall der Kapelle (99) ließ sich dies durch die stratigrafischen Abfolge eindeutig nachweisen. Aufgrund eines 1993 gemachten Münzfundes unterhalb des Estrichbodens in Kapelle 42, es handelt sich um einen Sesterz des Commodus, kann somit für die ältere Phase des Tempelbezirks ein terminus post nach der Mitte der achtziger Jahre des zweiten Jahrhunderts n. Chr. angenommen werden. Die Erweiterung dürfte damit schon in das dritte Jahrhundert n. Chr. zu datieren sein.

Grabung 1995
Abb.3 Hechingen-Stein.
Kapelle während der Ausgrabung.
Grabung 1995
Abb.4 Hechingen-Stein.
Skulpturfragment
aus dem Tempelbezirk.


Wie auch in den vergangenen Jahren konnten wieder zahlreiche Fragmente von Statuen aufgedeckt werden. Erwähnenswert ist hier das Fragment eines Hinterlaufes eines Stierstandbildes (Abb.4), das sich mit Funden der letzten Jahre ergänzen ließ. Eventuell stand es in Zusammenhang mit der Verehrung des Mitras oder des Jupiter Dolichenus. In unmittelbarer Nähe fanden sich Teile weiterer Statuen. Es handelt sich um das Unterteil eines Geniusreliefs und um Gewandfalten einer freistehenden Figur. Sämtliche Skulpturreste werden im Sommersemester 1996 am Institut für Klassische Archäologie der Universtät Tübingen bearbeitet.

Grabung 1995
Abb.5 Hechingen-Stein.
Restaurierter Tempelbereich
Grabung 1995
Abb.6 Hechingen-Stein.
Rekonstruierte Kapelle
mit Standbild des Merkur.


Ohne der abschließenden Auswertung vorgreifen zu wollen, läßt sich dennoch sagen, daß hier ein von einer quadratischen Mauer umgebener sakraler Bereich vorhanden war, in dem in der letzten Ausbauphase mindestens neun gleichartige quadratische Bauten standen, die als Ädikulen zu interpretieren sind (Abb.5; 6). Diese befanden sich alle in der nördlichen, höher gelegenen Hälfte des umfriedeten Bezirks. Damit sollte wahrscheinlich der Blick vom Tal aus über die Umfassungsmauer hinaus gewährleistet werden. Die große Menge von Tegulae und Imbrices im Bereich der Ädikulen zeigt, daß sie mit einem Ziegeldach gedeckt waren. In einem Fall ließ sich ein Estrichfußboden nachweisen; ein Zugang konnte in keinem Fall festgestellt werden, was aber nicht erstaunlich ist, da sich die Öffnungen solcher Ädikulen erhöht über dem ehemaligen Laufniveau befanden. Anhand vergleichbarer Befunde dürften diese nach Osten gelegen haben, ungefähr in Richtung des Hauptgebäudes. Bei der eng beieinander stehenden Dreiergruppe (32, 33, 42) muß auch mit einer anderen Möglichkeit gerechnet werden.

Zahlreiche Fragmente aus sorgfältig behauenem Stubensandstein lassen auf eine Vielzahl verschiedener Statuen schließen. Es können hierbei eine Jupitergigantensäule, eine lebensgroße Göttinnenstatue, wahrscheinlich eine Venus mit begleitenden Eroten und mehrere Fragmente kleinerer menschlicher und tierischer Plastiken und Reliefs nachgewiesen werden. Die weitaus größte Zahl der bearbeiteten Sandsteine entzieht sich im Moment noch weitgehend der Interpretation. Sicher ist, daß neben den in den Ädikulen stehenden Statuen, weitere Monumente unter freien Himmel aufgestellt waren.
Anhand vergleichbarer Befunde aus dem Saarland, der Schweiz und Frankreich kann hier, mit der gegebenen Vorsicht, von einem Kultbezirk gesprochen werden, welcher sicherlich nicht nur von den Bewohnern der Gutsanlage selbst genutzt wurde. Dies läßt auch Rückschlüsse auf die Interpretation der Gesamtanlage in Hechingen-Stein zu.

Grabung 1995
Abb.7 Hechingen-Stein.
Getreidemühle
Grabung 1995
Abb.8 Hechingen-Stein.
Teilnehmer des Volkshochschul-
kurses bei Grabungsarbeiten im
Tempelbezirk


Parallel zu den oben erwähnten Grabungen wurden im Bereich zwischen Tempelbezirk und Gutshofummauerung weitere Flächen geöffnet. Es fanden sich dabei bis zu 1,80 m hoch erhaltene Mauern eines Gebäudes (Abb. 1 ,C). Da in diesem Jahr nur die Südwestecke dieses Hauses freigelegt wurde, können über Grundriß und ehemalige Nutzung noch keine Aussagen gemacht werden. Es steht allerdings außer Frage, daß es sich um ein zumindest zweiphasiges Gebäude gehandelt hat, wobei die bisher erkennbaren Grundrisse der beiden Phasen stark voneinander abweichen (Abb.1). Auffallend ist die sehr gute Qualität der Mauern, die aus gleichmäßig behauenen Sandsteinen gesetzt sind. Teilweise haben sich sogar Reste von Fugenstrich erhalten. Innerhalb dieses Gebäudes fanden sich die vollständig erhaltenen Teile einer Getreidemühle (Abb.7), die einen Durchmesser von annähernd 0,8m aufweist. Wegen der guten Erhaltung dieser Mühle und ihres hohen Gewichtes ist es naheliegend anzunehmen, daß sie ursprünglich in der unmittelbaren Umgebung aufgestellt und benutzt wurde. Ein südlich von diesem Gebäude angetroffener Mauerrest (139) könnte in einem Zusammenhang mit diesem Haus stehen.

Da sich diese Gebäude außerhalb der eigentlichen Gutshofummauerung, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Tempelbereich befindet (Abb. 2 ), läßt sich eine Nutzung in Zusammenhang mit letzterem vorstellen. Zur Klärung dieser Frage müssen allerdings die Grabungen der nächsten Jahre abgewartet werden.

Die hervorragende Erhaltung dieser Mauerzüge steht in krassem Gegensatz zu den nur wenige Meter entfernten Befunden im Tempelbezirk. Dies bestätigt die schon vorab angestellte Vermutung, daß der sakrale Bereich, vermutlich in Zusammenhang mit der Christianisierung dieses Landes, systematisch zerstört wurde.

Die diesjährige Grabungskampagne wurde, wie im vorangegangenen Jahr durch die Bereitstellung dreier AB - Maßnahmen durch das Arbeitsamt Balingen ermöglicht. Dafür unseren herzlichen Dank. Ebenfalls bedanken möchten wir uns bei den Teilnehmern der Volkshochschul-Kurse aus Tübingen, Hechingen und Rottenburg und zahlreicher ehrenamtlicher Mitarbeiter, die meist schon zum wiederholten Mal, mit großem Einsatz und Interesse an den Ausgrabungen teilnahmen (Abb.8). Da sich die Ausgrabungsstätte unmittelbar am Zugang zum Römischen Freilichtmuseum in Hechingen-Stein befindet, war es auch möglich den Besuchern einen unmittelbaren Einblick in moderne archäologische Grabungsmethoden zu geben. Wir hoffen, daß die Untersuchungen in dieser Form im nächsten Jahr fortgesetzt werden können.

Dr. Stefan Schmidt-Lawrenz
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein