Sitemap | Suche | FACEBOOK

Ausgrabungen im Tempelbezirk der Gutsanlage von Hechingen-Stein, Zollernalbkreis

1994 konnten in einer sechsmonatigen Grabungskampagne die Ausgrabungen im Tempelbezirk der Gutsanlage von Hechingen-Stein fortgesetzt werden. Die lange Dauer dieser Maßnahme wurde durch die Schaffung von Arbeitsstellen im Rahmen von AB-Maßnahmen durch das Arbeitsamt Balingen ermöglicht. Außerdem fanden noch Grabungskurse statt, die durch die Volkshochschulen Hechingen, Rottenburg und Tübingen angeboten wurden; ein Fortbildungslehrgang der Oberschulämter Reutlingen und Tübingen und Projekttage der Hauptschule Tübingen vervollständigten die diesjährigen Tätigkeiten in Hechingen-Stein. Allen Beteiligten, die mit großem Engagement tätig waren, sei an dieser Stelle herzlich gedankt.

Nach Abschluß der letztjährigen Grabung war aufgrund der Befunde und Funde vermutet worden, daß sich an dieser Stelle der Tempelbezirk der Gutsanlage befunden hatte. Dies bestätigte sich in diesem Jahr auf eindrucksvolle Weise. Obwohl die Grabungen noch nicht die Gesamtfläche der vermuteten ehemaligen Ausdehnung umfassen, ist es doch möglich, einen vorläufigen Bericht der Ergebnisse vorzulegen.

Grabung 1994
Abb.1 Hechingen-Stein.
Tempelbezirk. Plan der untersuchten
Mauern mit Ergänzungen.

Trotz der wenigen stratigraphischen Anhaltspunkte läßt sich dennoch eine Mehrphasigkeit der Anlage festmachen. Als früheste Bauphase dürfte Mauer 24 entstanden sein. Sie wurde im Verband mit Mauer 58 errichtet, aber im Gegensatz zu dieser zu einem nicht näher zu bestimmenden Zeitpunkt wieder bis auf das Fundament abgetragen. Im östlichen Bereich der Grabungsfläche konnten einige wenige Hinweise gefunden werden, die darauf hindeuten, daß sich dort ein Gegenstück zu Mauer 24 befunden hat. Bei einer späteren Ausbauphase wurde die Anlage sowohl nach West (Mauern 2, 5, 58a) wie nach Ost (Mauern 72 und 113) erweitert. Damit entstand ein fast quadratischer Bereich von 31 m auf 34 m Länge.

Die Einbauten in der Südwest-Ecke (Mauern 4 und 25) sind angebaut und wohl zu einem späteren Zeitpunkt errichtet worden. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustands ist nicht zu klären, in welchem zeitlichen Verhältnis der rechteckige Anbau in der Südost-Ecke (Mauern 73 und 85) zu sehen ist. Ebenfalls angebaut wurde Mauer 59, die von der Nordwest-Ecke in einem Winkel von 450 nach Nordwest verläuft. Die Funktion dieser Mauer ist im Moment noch ungeklärt; sie wurde beim Bau eines Waldweges unbeobachtet zerstört.

Im Innenbereich konnten zu den, von der letztjährigen Grabungskampagne bereits bekannten drei quadratischen Kapellen (32, 33, 42), fünf weitere (99, 109, 116, 120 und 127) aufgedeckt werden.

Grabung 1994
Abb.2 Hechingen-Stein.
Tempelbezirk. Kapelle 127.

Entsprechend den Beobachtungen des letzten Jahres sind auch diese gleichartig in Ausrichtung und Größe. Allem Anschein nach bilden sie Gruppen von bis zu drei Stück, die Kapellen 116 und 120 sind aneinandergebaut. Kapelle 127 steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch isoliert da, der umgebende Bereich ist allerdings noch nicht untersucht. Diese gruppenweise Ausrichtung und die Befunde lassen vermuten, daß die Kapellen nach einer bestimmten Ordnung geplant und erbaut wurden. So sitzt z. B. Kapelle 99 teilweise auf der abgetragenen Mauer 24 auf und wurde dem hier sehr starken Hanggefälle angepasst. Kapelle 109 sitzt auf einer Grube, die vor Errichtung mit lockerem Steinmaterial verfüllt wurde, was aufgrund mangelnder Stabilität des Untergrunds die schlechte Erhaltung erklärt. Die Kapellen 32, 33 und 42 wurden auf einer künstlich angelegten Plattform erbaut. Dies führt zu der Annahme, daß die eigentlich ungünstige Platzwahl und die Gruppierung auf eine vermutlich religiös motivierte Intention zurückzuführen ist. Auf dem Gesamtplan wird deutlich, welche Zerstörungen durch die längsverlaufenden Gräben entstanden sind. Im Bereich des mittleren Grabens, der bis zu 4 m breit als auch tief ist, konnten Reste von Mauerversturz aufgedeckt werden, die ein größeres Bauwerk in der Mitte der Anlage vermuten lassen. Die Erhaltung war allerdings so schlecht, daß keinerlei Rückschlüsse auf eine ehemalige Funktion oder Größe zu ziehen sind.

Neben diesen interessanten Befunden lassen auch die Funde auf die Funktion und Bedeutung dieser Anlage schließen.
So erhöhte sich die Münzserie in diesem Jahr auf 12 Stück. Auffällig ist dabei, daß sich die Münzen oftmals in oder in unmittelbarer Nähe der Kapellen befanden, was sich mit Beobachtungen aus anderen Tempelbezirken deckt.

Grabung 1994
Abb.3 Hechingen-Stein.
Tempelbezirk. Kopf einer
lebensgroßen Junostatue.

Zusätzlich konnten, wie in den vorangegangenen Jahren, auch 1994 wieder zahlreiche Teile fragmentierter Sandsteinskulpturen freigelegt werden. Bei dem Oberkörper eines Mannes dürfte es sich um den Giganten einer Jupitergigantensäule handeln. Damit würde sich die Anzahl dieses Denkmaltyps in Hechingen-Stein auf zwei erhöhen, da bereits im vorangegangenen Jahr das Fragment eines anderen Giganten gefunden wurde. Bei einem nackten Torso, der von der Brust bis zu den Knien erhalten geblieben ist, dürfte es sich um die Figur eine Kindes handeln. Der bedeutendste Fund aber ist der lebensgroße Kopf einer Juno (Abb. 3). Es handelt sich um ein aufwendig gearbeitetes Stück mit sorgfältig ausgearbeiteten Gesichtszügen und einer aufwendig modellierten Haartracht. Das Diadem ist leider fragmentiert. Im Gegensatz zu den anderen Sandsteinstatuen römischer Zeit sind die Augenhöhlen ausgespart, sie bestanden ursprünglich sicherlich aus Einlagen, die aus einem anderen Material gefertigt waren. Dieses Stück lag unmittelbar unter der dünnen Waldhumusschicht, daher ist die nach oben liegende linke Gesichtshälfte nicht so gut erhalten geblieben.
Die Statue ist auf Rundum- und Fernansicht gearbeitet. Dies bedeutet, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in einer der Kapellen, sondern im Freien aufgestellt war. Reste von Bemalung haben sich nicht erhalten.
Alle Statuenfragmente wurden aus dem vor Ort anstehenden roten Bundsandstein gefertigt, was darauf schließen läßt, daß sie auch in der Gutsanlage selbst gefertigt wurden.

Im folgenden Jahr ist eine weitere Kampagne geplant, bei der die Ausgrabungen im Tempelbezirk von Hechingen-Stein zu einem Abschluß gebracht werden sollen.

Stefan Schmidt-Lawrenz
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein

Literaturhinweise:

  • S. Schmidt-Lawrenz, Arch. Ausgrab. Bad.-Württ. 1992, 176 ff. 1993, 202 ff.