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Neue Ausgrabungen im Gutshof von Hechingen-Stein, Zollernalbkreis

Elf Jahre nach Abschluß der Grabungen am Haupt- und Badegebäude der großen Gutsanlage von Hechingen-Stein fand im Juli 1992 eine weitere Sondage im Bereich der vermuteten südwestlichen Hofummauerung statt. Die Untersuchungen waren notwendig geworden, da sich der Bereich am Übergang von leichtem zu starkem Hanggefälle befindet und damit besonders erosionsgefährdet war. Eine der Mauern ragte schon aus der Böschung heraus. Die Ausgrabung wurde mit Hilfe von Mitgliedern des Vereins zur Erforschung und Erhaltung der Kulturdenkmale in Hechingen-Stein durch das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle Tübingen, in einer dreiwöchigen Kampagne durchgeführt. Den Teilnehmern, allen voran dem Vorsitzenden des Fördervereins, Herrn G. Schollian, und seiner Frau sei an dieser Stelle sehr herzlich gedankt.

Grabung 1992
Abb.1 Hechingen-Stein.
Nebengebäude.
Gesamtplan der untersuchten
Mauern mit Ergänzungen

Die Grabungsstelle befindet sich ca. 150 m Luftlinie südwestlich des Hauptgebäudes, die Höhendifferenz beträgt 11 m. Es wurden zwei Flächen mit insgesamt ca. 60 m2 ergraben.
Der Befund ergab im einzelnen vier Mauer-Züge, wobei jeweils zwei Mauern durch stratigraphische Beobachtungen und Verzahnung als zusammengehörig angesehen werden können. Ursprünglich handelte es sich wohl um einen Teil der Hofummauerung, die auch an anderen Stellen im Wald nachweisbar ist (Abb. 1). Bei den zuerst errichteten Strukturen handelt es sich um einen von Nord nach Süd verlaufenden Mauerzug (5) mit einer rechtwinkligen Umbiegung nach Ost (2). Zu einem nicht näher bestimmbaren späteren Zeitpunkt wurde diese Anlage durch den Anbau von weiteren Mauern verändert. Eine etwas schmälere nicht sehr tief fundamentierte Mauer (3) wurde parallel in ca. 1,80 m Abstand zu der Nord-Süd verlaufenden Mauer gebaut. Im Verband mit dieser steht eine weitere Mauer (4), die in der Südwestecke parallel zur Ost-West-Mauer (2) ebenfalls in 1,80 m Abstand errichtet wurde. Damit entstand ein kleiner quadratischer Raum mit einem anschließenden Gang. Als obertägig sichtbare Wälle lassen sieh die nach Nord verlaufenden Mauerzüge (3 + 5) noch auf einer Länge von mindestens 25 m weiterverfolgen. Nach Osten wird der Befund durch eine tief eingegrabene ehemalige Langholzabfuhrschneise, im Westen durch die Anlage eines Waldweges gestört.
 

Grabung 1992
Abb.2 Hechingen-Stein.
Nebengebäude.
Kopf einer Minerva

Das völlige Fehlen ehemaliger Benutzungshorizonte und der geringe Fundanfall machen eine Interpretation schwierig. Auffällig ist die prägnante Lage dieses Platzes. Zum einen ist hier noch ein Sichtkontakt zum höher gelegenen Hauptgebäude gegeben, zum anderen erlaubt diese Stelle einen weiten Ausblick nach Westen in das Starzeltal. Der bedeutendste Aspekt dieser Grabung war das Auffinden zahlreicher Skulpturenfragmente. Sie alle wurden in einer ca. 2 m2 großen Fläche zwischen den Mauern 3 und 5 in der sich unter dem Waldhumus befindenden Schuttschicht gefunden. Alle diese Fragmente sind aus dem vor Ort anstehenden roten Sandstein gefertigt, der auch zum Bau sämtlicher Mauern Verwendung fand.

Grabung 1992
Abb.3 Hechingen-Stein.
Nebengebäude.
Kopf einer weiblichen Gottheit
Es handelt sich um kleinteilig zerschlagene Stücke von Dreiviertelreliefs und vollplastisehen Figurenteilen. Der Kopf einer Minerva, das kleinere Köpfchen wohl einer weiblichen Gottheit, Teile eines nackten männlichen Torsos, ein weiterer, diesmal vollplastischer männlicher Torso mit nach hinten verschränkten Armen, und Gesimsteile machen es wahrscheinlich, daß es sich um Fragmente einer Jupitergigantensäule handelt. Der größere Kopf, Gewandfalten und der Torso wären dabei als Teile des »Viergöttersteins« anzusprechen, der kleinere Kopf könnte zum »Wochengötterstein« gehören und der vollplastische männliche Torso wäre mit hinter dem Rücken verbundenen Händen zu rekonstruieren und als »Gigant« zu interpretieren.

Die zahlreichen anderen Skulpturenteile lassen sich im Moment noch nicht genauer ansprechen, aber schon jetzt unterstreicht dieser Neufund auf beeindruckende Weise die Bedeutung der Gutsanlage in Hechingen-Stein.

Stefan Schmidt-Lawrenz
Römisches Freilichtmuseum Hechingen-Stein

Literaturhinweise:

  • H. Reim, Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 1981, 137 ff.